»Ein ‚Danke‘ ist kein Lohn

Alle reden über die Pflege – aber was meinen wir eigentlich, wenn wir über »Pflege« sprechen?

Wenn es nach Mag. Elisabeth Potzmann, Präsidentin des Österreichischen Gesundheits- und Krankenpflegeverbands, geht, wird dieser Begriff in Österreich viel zu beliebig verwendet. Denn die Fachpflege hat nichts mit einer 24-Stunden-Betreuung und Haushaltshilfe zu tun. Und statt Applaus wäre ihr mehr Wertschätzung für die vielfältigen Kompetenzen der Kolleg*innen lieber.

Das wollten wir genauer wissen und haben Mag. Potzmann zu einem Interview gebeten. Seit einem Jahr ist sie Präsidentin der größten, nationalen berufspolitischen Vertretung für alle Pflegeberufe. Der ÖGKV vertritt die Interessen seiner Mitglieder gemeinnützig, unabhängig und überkonfessionell. Und Mag. Potzmann weiß, was die Mitglieder bewegt. Sie war selbst lange in der Fachpflege tätig und kennt die guten und schlechten Seiten dieses Berufs.

Die COVID-19-Pandemie hat den Fokus auf die Pflege gelenkt und damit eine Berufsgruppe vor den Vorhang geholt, die wir gerne als selbstverständlich ansehen und meistens erst wahrnehmen, wenn wir selbst oder Angehörige ihre Unterstützung benötigen. Doch mit dem – hoffentlich nahenden – Ende der Pandemie sind die Probleme und Herausforderungen noch lange nicht vorbei. Denn auch ohne Applaus von den Balkonen leisten Menschen in der Fachpflege hervorragende Arbeit. Doch die Frustration steigt und viele steigen aus dem Beruf wieder aus. Das liegt allerdings nicht an der eigentlichen Tätigkeit. »Die Pflegefachkräfte wissen, worauf sie sich einlassen. Sie suchen eine sinnstiftende Tätigkeit, in der sie sich entwickeln können. Das ist das Top-Motiv, überhaupt in den Pflegeberuf einzusteigen«, bestätigt Mag. Potzmann, dass die hohe Drop-Out-Rate an etwas anderem liegen muss. Aber woran?

Wenig Lohn, viel Frust? Jein!

Obwohl viele Medienberichte oft ein anderes Bild vermitteln, ist in der Pflege nicht alles schlecht. Und viel wichtiger ist, dass mit mehr Lohn nicht alles besser wird. Denn die Anerkennung der Kompetenzen, die Möglichkeit, diese auch auszuüben, die sogenannte Dienstplansicherheit – und damit ganz einfach zu wissen, wann man frei und Zeit für die Familie hat – das sind die Dinge, die den Fachpflegekräften wichtig sind, betont Mag. Potzmann. Denn: »Kolleg*innen studieren auf eigene Kosten und tauschen heimlich Dienste im Team, um an Vorlesungen teilnehmen zu können. Ein Master-Abschluss wird im Jobprofil nicht verlangt, darum berücksichtigt der Arbeitgeber Ausbildungszeiten nicht bei der Dienstplanerstellung. Aber man bringt sein Wissen ja mit zum Arbeitsplatz, es profitieren letztendlich beide Seiten!« Auch dass sich eine solche Höherqualifizierung nicht aufs Gehalt auswirkt, gibt es in kaum einer anderen Berufsgruppe und sorgt für Frustration. Diese Situation liegt vor allem daran, dass die Grundausbildung in der Pflege durch das FH-Studiengesetz 2007 zwar professionalisiert wurde, das Gesundheits- und Krankenpflegegesetz hat sich allerdings kaum geändert und wird der verbesserten Ausbildung daher nicht gerecht. Kompetenzerwerb ist also in Ordnung, aber anwenden darf man das Wissen nicht. Also alles in der Verantwortung des Gesetzgebers?

»Es ist fast schon egal, was wir machen. Es ist entscheidend, endlich irgendwo anzufangen«, ist Mag. Potzmann das Warten langsam leid. »Wir brauchen dringende Entlastung, die spürbar ist. Eine Möglichkeit ist die Dienstplansicherheit. Wir verlieren gut ausgebildete und engagierte Mitarbeiter*innen, weil es für ihre persönliche Weiterentwicklung kein Entgegenkommen gibt. Auch bei jungen Müttern haben wir dieses Problem.« Denn den gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit-Arbeit gibt es nur bis zum siebten Lebensjahr des Kindes. Danach wird erwartet, wieder Vollzeit zu arbeiten. »Es ist wichtig, attraktive Teilzeitmodelle anzubieten. Noch besser wäre, die Wochenarbeitszeit in der Pflege generell zu senken«, meint Mag. Potzmann.

Sinn + Vielfalt + Kompetenz = Fachpflege

Dass es trotz dieser Hürden und Herausforderungen noch(!) viele Menschen gibt, die sich für den Pflegeberuf entscheiden, mag den einen oder die andere verwundern. »Es ist neben der sinnstiftenden Arbeit vor allem die Vielfältigkeit, die Menschen dazu bewegt in die Fachpflege zu gehen«, kommt Mag. Potzmann ins Schwärmen für ihren Beruf. »Nur in der Pflege ist es möglich, mehrere verschiedene Jobs in einem Berufsleben zu haben. Intensiv-, Hochrisiko- oder Palliativpflege – das sind alles ganz unterschiedliche Berufe. Und das Team gibt sehr viel Rückhalt, das belegen eigentlich alle Studien.« Um eine Tätigkeit in der Fachpflege für mehr Menschen auch langfristig attraktiver – und auch bewältigbar – zu machen, müsste also an mehreren Schrauben gedreht werden. Gibt es vielleicht etwas, was jede*r Einzelne von uns tun kann?

»Wir können schwer kommunizieren, was wir wirklich tun. Wir haben nur das Wort ‚Pflege‘“, kommt Mag. Potzmann auf das semantische Problem in Österreich zurück. „So lange in der Gesellschaft der oder die 24-Stunden-Betreuer*in und die Heimhilfe auch ein*e Pfleger*in ist, haben wir mit der Awareness ein Problem. Der oder die 24-Stunden-Betreuer*in ist in Wirklichkeit ein*e Hausangestellte*r. Pflege ist dabei nur ein Add-On.« Wir sollten uns also schon im täglichen Sprachgebrauch bewusst(er) machen, dass Pflege im Grunde nicht gleich Pflege ist. Noch etwas? „Ja. Ein ‚Danke‘ ist kein Lohn, und es finanziert auch keinen Master-Abschluss. Das ist bei jeder Dienstleistung eine Selbstverständlichkeit – und das ist auch in Ordnung. Ich möchte aber nicht, dass das Bild entsteht, man bekommt in der Pflege so viel zurück und deshalb brauchen die Kolleg*innen weder Lohnerhöhungen noch eine Änderung der Strukturen.“ Und beides ist notwendig, damit für uns alle auch in ein paar Jahren noch gut ausgebildete, engagierte und vor allem motivierte Menschen in diesem Bereich tätig sein wollen. Das müssen wir schaffen. #gemeinsam

Veröffentlicht am: 14.07.2021

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Autorin

Nicole Scheiber

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